R4H präsentiert den Paralympics Kalender 2011

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Interviews des R4H Teams

Interviews des R4H Teams und unseres Medienpartners OT-Magazin Sport in Textform



Ski-Legende Alexander Spitz: "Die Gesellschaft will den Behindertensport" Ski-Legende Alexander Spitz: "Die Gesellschaft will den Behindertensport"

Für die als Behindertensportler des Jahres 2010 ausgezeichneten Paralympioniken Verena Bentele und Gerd Schönfelder ist er ein Vorbild: Alexander Spitz errang 1984 bei den Paralympics in Innsbruck seine erste Medaille im Ski Alpin – da war er gerade 15 Jahre alt. Fünf Jahre zuvor musste ihm wegen einer Knochenkrebserkrankung das rechte Bein oberhalb des Knies amputiert werden; die Amputation war seine einzige Chance zu überleben. Schon mit drei Jahren hatte der Junge aus dem Kurort Merzenschwand im Schwarzwald auf den Skiern gestanden. Nach der Amputation wollte er nur wissen, ob er weiter kicken und Ski fahren kann. So fuhr er einbeinig mit zwei Krückenskiern seine Rennen und nahm insgesamt an fünf paralympischen Spielen und zwei Weltmeisterschaften teil, sammelte dabei zwölfmal Gold, fünfmal Silber und dreimal Bronze.
Heute unterstützt er unter anderem den Nachwuchs im Behindertenskisport und setzt sich mit Verve für München als Austragungsort der Olympischen und Paralympischen Spiele 2018 ein. Die OT SPORT sprach mit Spitz anlässlich der Ehrung der Behindertensportler 2010 Anfang Dezember in Köln.

OT: Herr Spitz, Sie sind Botschafter der Bewerbungsgesellschaft München 2018, die sich für die Ausrichtung der XXIII. Olympischen Winterspiele und der XII. Paralympics in München und Umgebung bewirbt. Wie sehen Sie die Chancen, dass aus dem Konzept München 2018 Realität wird?

Spitz: Ich denke, die Bewerbungsgesellschaft für München 2018 hat sehr gute Arbeit geleistet und befindet sich auf einem guten Weg. Wir haben ja am 26. und 27. November die Hauptvorstandssitzung des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) bewusst in Garmisch-Partenkirchen abgehalten, um die Bewerbung für die Spiele 2018 dort demonstrativ zu unterstützen und uns über den aktuellen Stand des Bewerbungsverfahrens auszutauschen. Da konnte man schon sehen, dass das Feedback auf die Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft derzeit richtig toll ist. Das zeigt sich jetzt auch bei den internationalen Präsentationen, die wirklich gut ankommen. Und daher denke ich, dass wir absolut konkurrenzfähig sind.

OT: Aber die anderen beiden Bewerberstädte, das französische Annecy und Pyeongchang aus Südkorea, haben sicher auch starke Auftritte?

Spitz: Klar, die anderen Bewerber mischen natürlich auch noch mit. Was da am Ende rauskommt, bleibt noch abzuwarten. Die Entscheidung des IOC (Internationales Olympisches Komitee) über den Austragungsort fällt erst im Juli 2011. Dieses Ergebnis muss man noch abwarten, aber wir können durchaus selbstbewusst auftreten. Ich denke, dass Konzept München 2018 spricht für sich: Wir haben sehr kurze Wege und durch die reduzierte Erstellung von Neubauten ist auch die ökologische Nachhaltigkeit gesichert. Und was ganz toll ist: Bei München 2018 wird der paralympische Sport ganz großgeschrieben, da haben wir richtig Bewegung reingebracht! So ist jetzt bei der Skiweltmeisterschaft in Garmisch für Nichtbehinderte extra jemand damit beauftragt worden, für die Barrierefreiheit zu sorgen (gemeint ist der Rollstuhlfahrer Stefan Deuschl, Behindertenbeauftragter im Organisationskomitee der FIS Alpinen-Ski-WM Garmisch-Partenkirchen 2011, die vom 7. bis 20. Februar 2011 stattfinden wird). Barrierefreiheit ist auch im Alltag ganz wichtig für uns und für unser Publikum, das kommen und uns sehen will.

OT: Hat sich da etwas in der Wahrnehmung des Behindertensports in den letzten Jahren geändert aus Ihrer Sicht?

Spitz: Ja, man sieht ganz klar, dass ein Umdenken stattgefunden hat und wir Behinderte nicht mehr Randfiguren der Gesellschaft sind, sondern integriert. Die Gesellschaft will den Behindertensport und sie will auch die Spitzenleistungen sehen, durch die die Behindertensportler ja auch gewisse Vorbildfunktionen einnehmen können. Das ist ja nicht nur für den Nachwuchs im Spitzen- oder Breitensport wichtig, sondern für jeden, der in der Rehabilitation ist oder eine gesundheitliche Krise durchmacht. Der sieht dann: „Mensch, der hat da ja ein Handicap, aber der gibt sich auf der anderen Seite nicht auf.“ Auch für Nichtsportler und Nichtbehinderte, auch im Arbeitsleben ist diese Vorbildfunktion einfach ganz wichtig – dass man immer den Blick nach vorne hat, nicht aufgibt, auch wenn mal eine Krankheit dazwischen kommt.

OT: Sie meinen, diese Themen betreffen doch eigentlich jeden in der ein oder anderen Weise und die Gesellschaft muss damit konstruktiv umgehen. Man hat ja zum Beispiel im Oktober letzten Jahres auf der RehaCare gesehen, wieviele Menschen sich über Hilfen für mehr Mobilität und Alltagsunterstützung bei Krankheit, Behinderung oder im Alter interessieren …

Spitz: Das wird ein immer größeres Problem werden und es betrifft ja längst nicht mehr nur die Körperbehinderten an sich. Probieren Sie doch einfach mal nur, mit einem Kinderwagen voranzukommen. Was machen Sie, wenn Sie statt eines Weges fünf Stufen vor sich sehen, oder ältere Menschen mit einem Rollator, wenn sie den irgendwo hoch tragen müssen? Ich selbst bin oberschenkelamputiert und musste vor einigen Jahren mal wegen einer Fuß-OP zwei Monate in den Rollstuhl. Da wurde jede Bordsteinkante für mich zum Problem: ich kam da nicht hoch! Ich konnte den Fuß nicht belasten und hatte Angst, bei der Aktion aus dem Rollstuhl zu kippen. Da hab ich gesehen, dass man schon viel mit Kleinigkeiten verbessern könnte, zum Beispiel, indem man einfach den Bordstein absenkt, zumindest an einer Stelle, damit die Leute da hochkommen. Mit wenig Aufwand und ein bisschen Nachdenken könnte man hier schon viel erreichen. Hier muss auch im Alltag noch viel mehr gemacht und konsequent umgedacht werden.

OT: In China hat sich durch die Paralympics 2008 auch eine andere Wahrnehmung Behinderter in der Gesellschaft gezeigt. Und von den barrierefreien Umbauten der Städte und der Sportstätten anlässlich paralympischer Großereignisse bleibt in der Regel auch nachher vieles nutzbar. Könnte das durch die Winterparalympics in Garmisch 2018 wieder passieren?

Spitz: Ja, dies ist immer nach paralympischen Spielen zu beobachten gewesen. Wenn der Spitzensport der Behinderten stärker in den Fokus kommt, werden auch viel mehr Leute aktiviert, einerseits als Zuschauer zu kommen, aber auch, den Sport selber zu betreiben. Nach der Fußball-WM letztes Jahr gab es einen Schwung Begeisterter, die in die Vereine eingetreten sind. Oder denken Sie nur daran, wie durch die Bekanntheit von Boris Becker plötzlich alle Tennis spielen wollten. Und das passiert auch im Behindertensport und das ist auch hier in Deutschland ganz wichtig. Der Behindertensport ist mittlerweile medial schon ganz gut verankert und wir Sportler können dazu die passenden Emotionen liefern und in die Welt hinaus senden. Und darum ist es für mich ganz wichtig, dass die Spiele nach München kommen.

Die Fragen stellte Susanne Welsch vom OT Verlag


Verena Bentele: "Im Leben und im Sport muss man immer neue Ziele suchen"Verena Bentele: "Im Leben und im Sport muss man immer neue Ziele suchen"

Mit Verena Bentele und Gerd Schönfelder landeten zwei Skifahrer bei der Sportlerwahl ganz vorne, die in Alexander Spitz eine Art Vorbild sehen. Bentele wurde von ihm schon bei Verletzungen getröstet, Gerd Schönfelder bekennt, dass er sich bei Spitz „einiges abgeguckt hat“, als dieser einbeinig und mit Krückenskiern die Hänge runterraste. Als Alexander Spitz TV-Berichterstatter von den Paralympics in Vancouver wurde, beglückwünschte Bentele die Öffentlich-Rechtlichen zu ihrer Wahl: „Er kann sich bestens in unseren Sport hineinversetzen und ihn transportieren“. Aber auch in umgekehrter Richtung liefen die Komplimente. „Ich freue mich riesig für die beiden, sie haben es wirklich mehr als verdient“, so ein begeisterter Alexander Spitz am Rande der Veranstaltung über Bentele und Schönfelder. Daniel Claus, Reporter des OT-SPORT-Medienpartners R4H, sprach mit Verena Bentele in Köln und übergab ihr ein Exemplar des Paralympics-Kalenders von R4H mit ihrem Bild.

R4H: Verena, wie fühlst Du Dich heute angesichts Deiner Auszeichnung?

Bentele: Das Tolle an dieser Publikumswahl ist doch zu sehen, wie immer mehr Leute von unserem Sport Notiz nehmen und sich davon begeistern lassen. Ich freue mich auch, dass meine Leistung soviel Anklang bei vielen Menschen gefunden hat.

R4H: Das heißt, es ist Dir auch wichtig, die Leistung nicht nur für Dich selbst zu erbringen, sondern auch zu spüren, dass auch andere Leute Deine Leistung gut finden?

Bentele: Naja, zunächst ist es für mich selbst erstmal wichtig, meine Leistung zu bringen. Ich hab dieses Jahr in Vancouver zur richtigen Zeit und am richtigen Ort nach einem guten Training meine Leistung zu 100 Prozent abrufen können. Dass andere diese Leistung anerkennen, ist schön, aber wichtig ist erstmal, eine Leistung für sich selber zu erbringen. In den letzten Jahren hab ich im Winter immer mehr trainiert und im Sommer mehr studiert. Aber diesen Winter kann ich in sportlicher Hinsicht nicht soviel machen, wie ich gerne würde, weil ich gerade Magisterprüfungen habe und am Montag – also in zwei Tagen – darf ich in der Neueren Literaturwissenschaft entweder über Bildungsfragen bei Goethe oder über Gewalt bei Adalbert Stifter schreiben. Das ist eine ganz andere Welt als der Sport!

R4H: Worüber würdest Du lieber schreiben?

Bentele: Über Stifter, aber das Leben ist kein Wunschkonzert und ich muss das nehmen, was ich bekomme. Auch im Sport muss man sich immer neue Ziele und Herausforderungen suchen. Ich könnte jetzt natürlich sagen: „Ich hab fünf Rennen bei den Paralympics gewonnen, mehr geht nicht“, aber die Ziele definieren sich jetzt halt anders. Für Sochi 2014 will ich den einen oder anderen Erfolg wiederholen, aber ich will vor allen Dingen besser werden. Denn ich habe immer noch Defizite. Ich hab in Vancouver nicht perfekt geschossen und ich weiß auch beim Laufen, wo ich noch besser werden kann und das nehme ich mir jetzt vor.

R4H: Auch Dir möchten wir natürlich gerne ein Exemplar des Paralympics-Kalenders überreichen. Du bist auf dem Juli-Kalenderblatt zu sehen, wie Du gerade Deinen Gehörschutz aufgezogen hast und Dich aufs Schießen vorbereitest. Wenn wir durch den Kalender blättern, kommen bei uns diese Bilder von Vancouver wieder auf. Wie läuft bei Dir die Erinnerung ab?

Bentele: Das ist einfach Kopfkino. Ich rufe sozusagen innere Bilder ab, also die Emotionen, die ich dabei hatte. Ich sehe halt kein Bild wie Du, in dem Sinne, dass mal ein Arm oben oder unten ist bei einem Sportler, aber ich knüpfe das Ganze an Menschen, an Situationen und Geräusche. So hole ich mir diese tollen Erlebnisse wieder.

Die Fragen stellte Daniel Claus von »R4H - das Radio für barrierefreie Köpfe«


Gerd Schönfelder: Goldi-Poldi ist nicht zu toppenGerd Schönfelder: Goldi-Poldi ist nicht zu toppen

An diesem Namen kam 2010 niemand vorbei, der sich für den paralympischen Wintersport interessiert. Der bislang erfolgreichste paralympische Skifahrer konnte seiner Sammlung bei den Winterspielen in Vancouver und Whistler noch fünf weitere Medaillen hinzufügen und erhielt mehrere Sportlerehrungen. Er setzt sich für den Nachwuchs im Wintersport ein und auch für die Bewerbung München 2018. Daniel Claus von R4H – das Radio für barrierefreie Köpfe – sprach mit Schönfelder am Rande der Sportlerehrung in Köln.

R4H: 2006 wurdest Du schon einmal zum Behindertensportler des Jahres gewählt. Fühlt sich das jetzt anders an als damals?

Schönfelder: Ähnlich – ähnlich gut, muss ich sagen. Es ist natürlich eine Publikumswahl, deswegen weiß man nie vorher, wie es ausgeht. Ich denke, ich hatte dieses Jahr gute Karten: Es war ein paralympisches Jahr und ich hatte einige Erfolge vorzuweisen. Ich hatte mir darum schon ein bisschen Hoffnung gemacht, dass ich die Ehrung bekommen könnte, aber da man den Ausgang vorher nie weiß, bin ich nun schon sehr froh.

R4H: Du selbst hast ja Deine paralympische Karriere beendet, möchtest aber Deine Erfahrungen gerne weitergeben. So engagierst Du Dich neben dem Sport auch für ganz viele Projekte. Du bist zum Beispiel Schirmherr des Paralympics-Kalenders von R4H, aber auch Jugendbeauftragter Deiner Heimatgemeinde Kulmain. Was machst Du da genau?

Schönfelder: Ich hab mir ja in der Region schon einen Namen gemacht und mir darum vorgenommen, mich für Kinder einzusetzen. Denn es ist ja eine eher ländlichere Region mit wenig Angeboten und da kümmere ich mich etwas um den Nachwuchs, insbesondere um Ferienprogramme für Kinder- und Jugendliche usw. Das macht mir sehr viel Spaß. Auf der anderen Seite setze ich mich aber auch für den Nachwuchs unserer Nationalmannschaft Ski-Alpin ein. Da gibt es einige hoffnungsvolle Talente, denen ich mit meiner 20-jährigen Paralympics-Erfahrung den einen oder anderen Tipp geben kann. Erstens macht es mir Spaß und zweitens sehe ich mich irgendwo auch in der Verantwortung. Ich selbst hab von dem Sport und der Nachwuchsförderung sehr profitieren können und möchte dies gerne auch weitergeben.

R4H: Wie geht es mit Dir und dem Sport nach dem offiziellen Karriereende weiter?

Schönfelder: Der Sport wird immer eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Sport ist für mich lebenswichtig. Ohne Sport geht es einfach nicht – zumindest nicht lange. Darum werde ich dem Sport auf jeden Fall in der einen oder anderen Weise treu bleiben. Ich habe vor zwei Jahren den Trainerschein gemacht und daran werde ich bestimmt anknüpfen.

R4H: Du bist auch der Schirmherr für den Paralympics-Kalender von R4H, in dem Du beim Jubel in Vancouver verewigt bist. Die Bilder von Vancouver sind noch in Deinem Kopf, oder?

Schönfelder: Natürlich, das werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Es sind wirklich schöne Bilder in dem Kalender, von mir unter anderem auch eines, das ich selber noch gar nicht habe und dringend brauche!

R4H: Zu diesem Bild gibt es eine ganz besondere Geschichte. Was war das für ein Moment?

Schönfelder: Da springe ich in die Luft vor Freude über die letzte Goldmedaille, die ich erhielt, in der Super-Kombi. Kurz davor habe ich außerdem erfahren, dass ich Papa geworden bin. Das ist emotional nicht mehr zu toppen: Wer wird schon an ein und demselben Tag Paralympics-Sieger und Vater? Den Rekord nimmt mir wohl so schnell keiner mehr ... Seitdem nenn ich meinen kleinen Sohn Leopold manchmal ganz gern „Goldi-Poldi“.

Die Fragen stellte Daniel Claus von »R4H - das Radio für barrierefreie Köpfe«